Jumbo ist kein Magazin, sondern ein Beutensystem
In der diesjährigen Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Imkerei“ hat mich der Artikel von Ing. Vít Holienčin „Unsere Vorfahren hatten...“ besonders angesprochen. Im Prolog, mit dem der Autor seinen Beitrag einleitet, steht: „Der Umfang der Fachbegriffe nimmt ständig zu, es gibt keine sprachwissenschaftlichen Kriterien und Interessenten für die Terminologiestudien stoßen auf verschiedenste Hürden." Die Einleitung brachte mich zum Nachdenken darüber, wie unsere nächste Imker-Generation mit dem weit verbreiteten und mysteriösen Begriff „Jumbo" umgehen wird.
Im internationalen Imkereiwesen längst vergessene „Jumbo“ tauchte in unserem Land überraschend im Zusammenhang mit einer vermeintlichen „Modernisierung“ der tschechischen Imkerei wieder auf. Bei der Einführung der „weltweiten“ Beutensysteme nach Langstroth und Dadant wurde damit der Dadant-Magazin mit 10 Rähmchen im Maß 448 x 285 mm bezeichnet. Jumbo bedeutet etwas Großes, Riesiges, wortwörtlich Elefantengröße. Kann ein Magazin mit 110 dm² Wabenfläche als riesig angesehen werden? Sicherlich nicht! Unser Magazin mit 11 Rähmchen im Maß 39 x 30 cm hat sogar 5 dm² mehr Wabenfläche, und der Dadant-Blatt, genauso wie der Řeháček-Beute, aus unerfindlichen Gründen als Eurodadant bezeichnet, bieten beide sogar ganze 25 dm² mehr Wabenfläche.
Eigentlich ist alles ganz anders. Jumbo bezeichnete in der Vergangenheit nie nur ein Magazin, sondern eine Betriebsweise mit besonders starken Völkern in sehr großen Beuten. Ob dabei das Dadant-Magazin mit 10 Rähmchen verwendet wurde, ist völlig nebensächlich; genauso wurden auch Schrámek-Magazine genutzt – und es war nach wie vor das „Jumbo“-Beutensystem. Dazu aber später mehr. Für ein besseres Verständnis der weiteren Zusammenhänge werfen wir einen Blick in die Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo das „Jumbo“ zum ersten Mal erwähnt wird. Zu dieser Zeit herrschte dort die Ära des Scheibenhonigs und für dessen Gewinnung mussten flache Brutraumrähmchen mit einer Höhe von 130–190 mm genutzt werden, damit die Bienen die aufgesetzten Honigräume annahmen und keine Honigkränze über der Brut anlegten. Infolgedessen hatten die Produzenten von Scheibenhonig schwache Völker, geringe Erträge und eine extreme Schwarmneigung.
Eine andere Gruppe von Imkern, unter ihnen auch Dadant, gewann sogenannten Schleuderhonig. Dadant verwendete für das Brutnest 9 Quinby-Rähmchen im Maß 475 x 285 mm und in mehreren Honigräume Rähmchen mit 475 x 168 mm. Die geringe Schwarmneigung und die hohen Honigerträge, die im Vergleich mit den Scheibenhonig-Produzenten erreicht wurden, erklärte er mit der Größe seiner Beuten – also der Beute als Ganzem! Über einzelne Magazine sprach er nicht; zur damaligen Zeit hatte er diese nicht einmal – er nutzte feste Böden im Brutraum, auf denen die großen Rähmchen direkt aufgesetzt wurden. Eine Änderung trat erst ein, als in Amerika das Interesse am Scheibenhonig abnahm und die Langstroth-Beuten für die Schleuderhoniggewinnung angepasst werden mussten, was bei diesem Beutensystem sehr einfach war. Damit verlor Dadants Beute die Vormachtstellung als besonders große Beute, die Konkurrenz zog nach und der Begriff „Jumbo“ verschwand in Amerika. Ein kurzer Exkurs in die amerikanische Imkerei ist notwendig, um den Irrglauben zu widerlegen, Dadant selbst sei der Urheber des Begriffs „Jumbo“ für das 10-Rähmchen-Magazin gewesen!
Zwar verschwand „Jumbo“ in den USA, tauchte aber wieder auf einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, in Mexiko, auf – dort gab es das weltweit größte Imkereiunternehmen Miel Carlota mit Sitz in Cuernavaca. Die Besitzer, zwei Deutsche, Wulfrath und J. Seek, hatten 30.000 Bienenvölker, und ihre Spitzenerträge lagen um die 200 kg Honig pro Volk. Jährlich erntete das Unternehmen 4.000 Tonnen Honig und produzierte neben Königinnenfuttersaft und Pollen auch 50.000 begattete Königinnen zum Verkauf. Für diese Hochleistungen passten sie ihr Beutensystem entsprechend an – anfangs nutzten sie Dadant-Magazine mit 9 Rähmchen, später auch solche mit 10. Diese Magazine dienten im Beutenturm sowohl als Brutraum wie auch als Honigraum. In den Bienenständen standen „Hochhäuser“ aus fünf bis sechs Zehnrähmchen-Dadant-Magazinen, und die Firma nannte dieses System „Jumbo Hives“ (Jumbo-Beuten).
Über das Unternehmen Miel Carlota war hierzulande früher wenig bekannt, abgesehen von einem 1967 veröffentlichten Beitrag in der Zeitschrift „Imkerei“. In Heft 2 auf Seite 29 wurde ein Artikel aus der Zeitschrift Apiakta nachgedruckt, worin der kanadische Professor Townsend über die Zukunft der Imkerei schreibt. Er weist auf die Nachteile der in Amerika und Australien verbreiteten Langstroth-Beute mit 9 Rähmchen hin, nämlich dass man für das Brutnest zwei Magazine verwenden muss. Demgegenüber nennt er als Vorteil die Dadant-Beute, wenn er schreibt: „Die Dadant-Beute, die in Amerika, England und auf dem Balkan genutzt wird, hat diesen Nachteil nicht. Das einstöckige Brutnest bietet kräftigen Völkern ausreichend Raum, weil es elf große Rähmchen enthält. Die bekannte mexikanische Firma Miel Carlota führte eine Variante dieser Beute unter dem Namen Zumbo (Elefant) mit 9 oder 10 Rähmchen ein.“
Wenn man die Geschichte der Firma Miel Carlota nicht kennt, reichen zwei oder drei derart ungenau formulierte Sätze, um eine falsche Schlussfolgerung zu ziehen und das „Jumbo“ mit dem Zehnrähmchen-Magazin gleichzusetzen. So konnte es passieren, dass sich bei uns der Begriff „Jumbo“ über die Zeitschrift „Imkerei“ gegen Ende des letzten Jahrhunderts verbreitete.
Der bekannte Autor vieler Fachveröffentlichungen zur Imkerei und erfahrene Imker Rogers Petterson aus West Sussex, Südostengland, geht in einer spannenden Studie über die Verbreitung modifizierter Langstroth-Beuten (es gibt davon mehr als 90!) auch kurz auf den Begriff „Jumbo“ ein. Er wundert sich, wie das Dadant-Zehnrähmchen-Magazin als „Jumbo“ bezeichnet werden konnte. Er kommt zum Schluss, dass es sich wohl um einen Marketingtrick eines Beutenherstellers handelt. Das stimmt so aber nicht. Es handelt sich um ein Missverständnis und zeigt zudem, dass die Zeitschrift „Imkerei“ auch im Ausland aufmerksam gelesen wurde und wird – worüber sich die Herausgeber sicherlich freuen können.
Aus der Zeitschrift Imkerei von Vladimír Louda




































































































































































































